Diary, Guatemala

It’s all about the People: Bei den Mayas zu Hause

Oktober 24, 2016
San Jorge Guatemala

Auf unserem Weg durch Guatemala kamen wir in dem kleinen verschlafenen Örtchen San Jorge La Laguna vorbei.

Uns stand eine besondere Nacht bevor, denn wir waren nicht wie sonst in einem Hotel untergebracht. Unsere Reisegruppe wurde auf mehrere Familien aufgeteilt. Zusammen mit Jill, mit der ich mir auch sonst das Zimmer teilte, verbrachte ich diesen Homestay bei einer älteren Dame und ihrer Familie. Diese bestand aus zwei Töchtern, 7 und 17 Jahre, einem 14 jährigen Sohn und deren Vater. Ach, und ein Schäferhund, der sich ständig verdächtig kratzte und eine Katze wuselten auch um uns herum.

Die Mayas sind ein indigenes Volk in Mittelamerika. Und noch heute leben ungefähr 6 Millionen über ganz Mittelamerika verteilt. Sie sprechen oft kein oder nur schlechtes Spanisch, sondern haben ihren ganz eigenen Dialekt. In San Jorge sollten wir nun einige von ihnen und ihren Lebensstil kennen lernen. Ich konnte gerade so auf Spanisch etwas bestellen. Wie sollte ich mich jetzt mit einer Familie unterhalten? Noch dazu, wenn diese gar kein Spanisch spricht?

In der Küche angekommen, fiel mir als erstes die Kälte auf. Zwar wird es tagsüber recht warm, doch sobald die Sonne weg ist, sinkt das Thermometer schnell auf 12 Grad. Der Steinfußboden war eiskalt und man hörte den Wind über das Dach fegen.

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Bisher war nur die Mutter mit ihrer kleinen Tochter da und sie steckten uns in traditionelle Kleider der Mayas. Ich kam mir neben ihnen wie ein Riese vor. Kaum vorstellbar, dass diese Kombination aus Bluse und Rock, der mit einer Art Gürtel in der Taille gebunden wird, bei der Kälte warm genug halten soll. Aber aufgrund der Sprachbarriere konnte ich nicht mal danach fragen. Jill und ich drucksten eher verlegen so vor uns hin.

Soziale Unterschiede müssen keine Grenzen darstellen, aber ohne jede Kommunikation überwinden sie sich nur schwer.

Mit Hand und Fuß versuchten wir uns also zu verständigen.

Homestay San Jorge Mayas

Zum Glück steckte die Kleine voller Energie und hielt uns auf Trab. Und um mit Buntstiften zu malen, braucht man zum Glück keine Vokabeln.

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Nach Sonnenuntergang und einem kleinen Spaziergang durch das Dorf ging es zurück zu der Familie. Dort verbrachten wir die nächste Stunde damit, Tortillas zu formen. Die Mutter hatte den Teig bereits vorbereitet und zeigte uns, wie man die kleinen, runden Fladen mit den Händen formt. Anschließend wurden sie auf einer Steinplatte gebacken. Nach gefühlt 200 Tortillas kam auch der Rest der Familie nach Hause und wir aßen zusammen. Es gab neben unseren Kreationen nur noch etwas Reis und Bohnen.

Wenn ich so daran dachte, dass dieses zwar sättigende aber keinesfalls nahrhafte Essen bei den Mayas täglich auf den Tisch kommt, fiel mir jeder Bissen schwer.

Die ältere Tochter konnte ein wenig Englisch und erzählte uns, wie sie und ihr Vater jeden Tag in eine andere Stadt zum Arbeiten fuhren. Morgens um 7 fuhr ein Bus, der sie frühestens nach 12 Stunden schuften wieder nach Hause bringen würde. Und dann ist es nicht gerade so, dass die großen Karrierechancen auf sie warten. Es reicht, um die Familie zu ernähren. Wenn sie Glück haben, können die Kinder ein paar Jahre in die Schule gehen und damit im Anschluss einen halbwegs passablen Job finden. Oft werden die Mädchen schon als sehr junge Frauen Mütter und bleiben ohne Job bei den Babys zu Hause.

Wie dieses Leben an einem zerrt, konnten wir der Mutter der Familie ansehen. Ich hätte sie auf mindestens Mitte 60 geschätzt, wurde sie doch gerade erst 50 Jahre alt. Wenn ich mir daneben ihr quirlige junge Tochter ansah, wurde ich traurig. Ihr steht diese Welt mit all ihren Möglichkeiten nicht offen. Sie kann sich nicht jeden Beruf aussuchen, mal eben studieren gehen oder die Welt bereisen. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sie in einigen Jahrzehnten den Platz ihrer Mutter einnimmt und sich um Haus und Hof kümmert. Der übrigens nur über kaltes Wasser verfügte und wo wir draußen im Halbdunkel nach dem Essen die Teller spülten.

Wie sehr doch der Geburtsort dein zukünftiges Leben bestimmt…

Es war ein schwieriger Abend. Jill und ich versuchten so gut es geht die Unterhaltung am Laufen zu halten. Na gut, zu einer richtigen Unterhaltung kam es leider gar nicht erst. Irgendwie schienen wir uns alle etwas unbehaglich zu fühlen. Keiner wusste so richtig, wie er sich verhalten sollte. Als wir direkt nach dem Abendbrot quasi schon verabschiedet wurden und wir in unser eigenes Zimmer gingen, waren wir fast schon erleichtert. Ein Jammer, denn ich hätte so gern mehr über diese Familie erfahren. Doch an diesem Abend konnten wir das Eis nicht brechen. Wir konnten auch nicht herausfinden, ob uns die Mutter doch nur wie verwöhnte Touris sah oder sie uns wirklich gern ihr Heim zeigte.

Die Nacht war nicht weniger anstrengend. Der Wind fegte über uns hinweg, dass wir unser Dach schon davon fliegen sahen. Draußen kläfften die Straßenhunde und es war eisig kalt. Wir hatten unsere Koffer im Hotel in Antigua gelassen und nur für eine Übernachtung gepackt. Hätte ich doch nur meine warme Strickjacke mitgenommen.

Das Frühstück am nächsten Morgen wurde zu einer Fortsetzung des Abendbrotes. Nur hier und da ein paar Sätze, so wie es eben die Sprachkenntnisse zuließen. Ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich den Abschied herbei sehnte. In diesem Moment fühlte ich mich schuldig, wie gut es mir doch zu Hause ging und es viel zu selten würdige. Ich kann im Supermarkt gegenüber alles kaufen, worauf ich Lust habe und nach einer heißen Dusche noch die Heizung aufdrehen, sollte es nicht warm genug sein. Während sich die Menschen hier über eine Portion Reis und Bohnen freuen, mache ich erst noch tausend Instagram-Fotos meines dekadenten Essens in einem Restaurant.

Leider verblassen diese Aha-Momente viel zu schnell wieder. Aber es tut gut, immer mal wieder wachgerüttelt zu werden. Sie rücken das eigene Leben wieder ins richtige Licht und man bekommt einen Blick für die wirklich wichtigen Dinge. Sie lehren uns Dankbarkeit! Der Spruch ist vielleicht schon ausgelutscht, aber Du und ich, wir haben das, wovon Millionen, nein Milliarden nur träumen können!

Genau das ist es, was ich am Reisen so liebe! Man bekommt Eindrücke und Lektionen, die kein Buch vermitteln kann. Also pack Deine Koffer und lass Dir die Augen öffnen!

Wann wurdest zu zuletzt wachgerüttelt? Welche Geschichte kannst Du nicht mehr vergessen?

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