Cambodia, Diary

It’s all about the people: Allein in Kambodscha

August 16, 2016
Kambodscha

Wenn ich an vergangene Reisen denke, habe ich oft als erstes nicht die Landschaften, Sehenswürdigkeiten oder (auch wenn es so scheint) das Essen im Kopf.

Es sind die Geschichten der Menschen, die mir auf dem Weg begegnet sind.

Immer wieder bleibt mir ein Ort besonders im Herzen, weil mich jemand auf besondere Art berührt hat und mir seine Geschichte nicht mehr aus dem Kopf geht. So war es auch in Kampong Cham in Kambodscha.

Wir waren schon eine Weile unterwegs. Umso mehr wir über die Vergangenheit dieses Landes erfahren haben, desto beeindruckter waren wir von den Menschen. Mehr als 1,6 Millionen Kambodschaner fanden unter dem Regime von Pol Pot in den 70er Jahren ihren Tot. Trotz all der schrecklichen Taten, die gerade einmal 40 Jahre her waren, sah man überall nur lachende Gesichter. Mit einer unglaublichen Freundlichkeit und Gastfreundschaft wurden wir überall willkommen. Kaum vorstellbar, was hier noch vor wenigen Jahrzehnten im Land los war.

Erschöpft von einer Radtour über die Bambusbrücke in Kampong Cham landeten wir in einem kleinen Restaurant fernab von unserer Reisegruppe. Eine junge Frau bediente uns gewohnt freundlich lächelnd und fing schon bald an, mit uns zu scherzen. Plötzlich wurde es ernster. Ich weiß jetzt gar nicht mehr, wie es dazu kam.  Doch sie erzählte uns, dass vor kurzem ihr Mann gestorben war. Sie ist Anfang 30, Single und hat keine Kinder. Damit ist sie in ihrem Land natürlich eine absolute Außenseiterin. Sie arbeitet von morgens bis abends, jeden Tag, ohne Urlaub oder sonstige Freizeit. Das macht das Kennen lernen und verlieben natürlich auch nicht gerade leichter. Vom Vater im Stich gelassen und ohne Kontakt zu ihrer Familie ist sie die meiste Zeit allein.

Die große Einsamkeit war jetzt wie eine große, dunkle Wolke über ihr fast sichtbar.

Sie schuftet jeden Tag und wünscht sich doch nichts sehnlicher, als eine eigene Familie. Und trotzdem gibt sie nicht auf. Sie macht jeden Tag weiter und glaubt an ihr Happy End.

Als sie uns das alles erzählt, steht sie wie ein kleines Häufchen Elend vor uns. Dabei wirkte sie noch kleiner und zerbrechlicher, als sie eh schon war. Noch vor ein paar Minuten sprang sie fröhlich hin und her und wirkte alles andere als bedrückt. Nun hatten wir alle einen Kloß im Hals und wussten nicht so richtig, was wir ihr raten könnten. Ich konnte nicht anders und musste sie kurz in den Arm nehmen und ein Foto mit ihr machen.

Dieser Abend ist nun mehr als anderthalb Jahre her. Das Gespräch mit der Frau, deren Namen ich mir nicht mal merken konnte, dauerte vielleicht nur eine Viertelstunde. Trotzdem kommt sie mir immer mal wieder in den Kopf.

Welche Stärke und Größe sie gezeigt hat, hat mich tief beeindruckt.

Völlig auf sich allein gestellt, schuftet sie dort jeden Tag stundenlang. Für einen kurzen Moment konnte sie ihr Leid mit uns teilen. Wir würden aber schon am nächsten Tag abreisen und sie damit allein lassen…

Das ist es, was mich so am Reisen fasziniert, mich prägt und immer wieder zum Nachdenken anregt. Ich darf für kurze Augenblicke in eine andere Welt eintauchen. Manchmal habe ich das Glück, dort einen Menschen besser kennen zu lernen. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt. Gerade mal ein Bruchteil vom großen Ganzen. Und trotzdem bekommen diese Augenblicke die größte Bedeutung und haben immer wieder eine Lektion fürs Leben für mich parat.

Auch der fröhlichste Mensch kann die traurigste Geschichte verbergen.

Man weiß nie, welchen Kampf jemand gerade auszutragen hat, oder welches Schicksal gerade zugeschlagen hat. In kaum einem anderen Land habe ich das so gespürt wie in Kambodscha. Sie versuchen jeden Tag aufs Neue, ihr Land wieder nach vorn zu bringen. Ich möchte auf jeden Fall wiederkommen. Wer weiß, vielleicht treffe ich ja auf meine neue Freundin und sie zeigt mir ihre Familie…

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