Cuba, Diary

Havanna und mein erster richtiger Kulturschock

Februar 18, 2017

Havanna ist ein hartes Pflaster

Wenn man hier durch die Gegend geht, kommt man abwechselnd an tollen Villen und herunter gekommenen Ruinen vorbei. Die Bürgersteige sind teilweise so schlecht, dass man besser auf der Straße geht. Wobei man auch dort nur den Schlaglöchern ausweicht.

Die Autos kennen keinen TÜV und verbreiten überall Abgase. Ich wohnte im Stadtteil Vibora und hatte von manchen Straßen einen tollen Blick auf die Altstadt Havannas. Aber eben auch auf den Smog, den diese Autos verbreiten. Nach einem Tag im Zentrum fühlt man sich schmutzig, der Gestank der Abgase hängt einem in der Nase, den Haaren und Klamotten. Selten habe ich in einer Stadt so schlecht Luft bekommen.

Am Tag meiner Ankunft hatte es geregnet. So wurde die Luft zumindest für kurze Zeit etwas besser. Und tatsächlich wurde diese Dunstglocke über der Stadt mit jedem trockenen Tag schlimmer und schlimmer.

Wenn selbst der kleinste Einkauf zum Krampf wird…

Als ich vom Flughafen abgeholt wurde, hatte ich nach einem Supermarkt in der Nähe gefragt. Oh wie naiv ich war. Wenn überhaupt, gibt es kleine Stände, wo man etwas Obst kaufen kann. Vielleicht findet man noch einen Kubaner, der auf der Straße Nüsse oder Brot verkauft. Große Flaschen Wasser findet man so gut wie gar nicht!

Das musste ich ein paar Tage später lernen, als wir in der Altstadt unterwegs waren. Halb verdurstet wollten wir uns etwas Wasser für zu Hause kaufen. Entweder gab es gar keins, oder sie wollten pro Flasche 2 CUC, also 2 Euro haben. Wie gut, dass ich in der Schule meine kleinen Flaschen am Wasserspender auffüllen konnte. Wobei das Wasser mit Chlor versetzt ist und nicht besonders gut schmeckt. Zumindest schien ich es gut zu vertragen… (Nachtrag ein paar Tage später: nein, ich vertrage es doch nicht. Toilette 1, Nadine 0)

Aber auch das Essen ist eine Nummer für sich. Es gibt eben das, was gerade vorhanden ist. Da kann dem Restaurant schon mal das Brot ausgehen. Beim super bekannten Café in der Stadt gibt es an einem Tag keinen Kaffee und woanders hat man Ketchup als Tomatensoße auf der Pizza. Aber wenn man bedenkt, dass es hier im Grunde keine Supermärkte oder gar Großhandel gibt, ist die Auswahl in den meisten Restaurants bemerkenswert. Man merkt auch, wie viel Mühe sich die meisten geben!

Wenn sich Schuldgefühle breit machen

Und ich kam mir mal wieder super verwöhnt vor. Wenn ich an diese Massen an Lebensmitteln in unseren Supermärkten denke…Wozu brauchen wir eigentlich 20 verschiedene Sorten an Cornflakes oder Marmelade? Die Tatsache, dass selbst unsere Tankstellen sooo viel besser ausgestattet sind, als jeder Markt hier, ist schon unglaublich. Wir sind es so gewohnt, zu nahezu jeder Tages- und Nachtzeit alles zu bekommen.

Kuba und seine zwei Währungen

Ach und was bitte sollen diese unterschiedlichen Banknoten? Denn auf Cuba gibt es gleich 2 Währungen. Die CUP, oft nur Pesos genannt und CUC (Cuban Pesos Convertibles), sprich „Kuck“. Für 1 Euro bekommt man 1 CUC. Für 1 CUC bzw. Euro hingegen 24 CUP. Die CUP sollen für die Kubaner sein, die CUC gelten im Grunde als Touristenwährung. Manche Restaurants haben die Preise in CUP, andere wieder nur in CUC. Die kleinen Stände der Kubaner verkaufen ihr Obst und Gemüse oft in CUP.

Für die Touristen wird es im Zentrum besonders interessant. Kaufen sie das Eis an der einen Ecke für 3 CUC, bekommt man es an der nächsten für 10 CUP. Also gerade einmal 50 Cent. Wenn einem ein Kubaner einen Preis nennt, sollte man also immer nachfragen, um welche Währung es sich handelt.

Stell Dir vor, Dein Monatslohn beträgt nur 20 Euro

Unsere Lehrer erzählten uns, dass ihr Monatsgehalt gerade mal bei 20 CUC liegt. Ein Radiologe verdient so ca. 40 CUC. Die Miete, Wasser und Strom sind extrem billig und kosten nur einige Pesos, umgerechnet also ein paar Cent. Lebensmittel wie Reis werden kiloweise für ein paar Pesos verkauft. Jedoch nur eine bestimmte Menge pro Monat und Person! Und trotzdem haut dieses System nicht so richtig hin. Die vorbestimmten Mengen reichen bei einer Familie vielleicht für eine Woche. Danach müssen sie in CUC zahlen.

Auch nach Tagen verstehe ich nicht so ganz, wie ein Arzt ein so geringes Einkommen haben kann.

Ein Taxifahrer nimmt hingegen für eine Fahrt gern mal 10 CUC. Wer in der Gastronomie arbeitet, verdient noch mehr. Also kann es gut sein, dass einer meiner Taxifahrer eigentlich Arzt ist. Viele Menschen haben hier Nebenjobs. Wenn man durch die Altstadt geht, wird man an jeder Ecke gefragt, ob man ein Taxi benötigt. Hier merkt man besonders, dass das wohl die leichteste und profitabelste Einkommensquelle ist.

CUC oder CUP?

Kommen wir zurück zum Eisverkäufer…Wieso sollte ich als Kubaner mein Eis für umgerechnet 50 Cent verkaufen, wenn ich an der nächsten Ecke doch 3 Euro bekommen kann? Was müssen die Verkäufer an den Staat abgeben, was dürfen sie behalten? Ist ein Kellner reich, während der Lehrer jeden Pesos zusammenkratzen muss? Kann mir das bitte mal jemand erklären?

Ich kann ja verstehen, dass ein Kubaner mit seinem geringen Einkommen auch die geringen Preise in CUP bezahlen soll. Aber wie es scheint, sind eben genau diese Preise kaum noch zu finden. Ganz bestimmt nicht in der touristenüberlaufenen Altstadt.

Was die meisten Touristen nicht sehen

Ich habe eine Woche in dem Viertel Vibora gewohnt. Bis auf die Sprachschüler, verirrt sich hier kaum ein Tourist her. Da es eben an Auswahl mangelt, habe ich in diesen paar Tagen jedes Restaurant mindestens zweimal besucht. Also die drei… Das Restaurant mit den „teuren“ CUC-Preisen, war dabei fast immer leer. Wie soll sich ein Kubaner auch ein Essen leisten, welches im Grunde seinem halben Monatslohn entspricht? Auf der anderen Seite frage ich mich, wie sich ein Restaurant halten kann, welches am Abend vielleicht 5 Tische bedient.

Was man nicht kennt, vermisst man nicht?!

Was geht den Kubanern durch den Kopf, wenn sie im Fernsehen den Überfluss an Essen, materiellen Gütern und Auswahlmöglichkeiten sehen? Ich kann mir kaum vorstellen, wie frustrierend das sein muss. Oder sind sie so an ihr Leben hier gewöhnt, dass sie es gar nicht anders wollen?

Der Türsteher eines der Restaurants erzählte uns, dass seine Frau deutsch lernt. So kann sie mit Touristen arbeiten und viel mehr Geld verdienen. An jeder Ecke sieht man die Zeichen für die Casa Particulares. Sie vermieten ein Zimmer ihrer Wohnung oder ihres Hauses und verdienen so noch etwas extra.

Aber es kann doch auch nicht die Zukunft für die jungen Leute hier sein, entweder als Taxifahrer oder im Tourismus zu arbeiten, nur um noch an etwas Geld zu kommen.

Mein Gedankenchaos nach einer Woche in Havanna

Irgendwie waren die Tage in Havanna anstrengend. Dabei kann ich gar nicht genau sagen, warum. Wahrscheinlich, weil ich nicht so richtig verstehe, wie das Leben für die Kubaner hier funktioniert. Aber es scheint einem auch jeder etwas Anderes zu erzählen. Wenn wir Sprachschüler die Geschichten unserer Lehrer austauschen, bleiben auch mehr Fragen als Antworten.

Ich weiß, ich kratze hier nur an der Oberfläche. Ich habe auch bei all‘ meinen Reisen selten das Gefühl gehabt, einen Ort so wenig zu verstehen. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich froh bin, hier eben nicht leben zu müssen? Oder das ich nicht traurig bin, nach einer Woche Havanna zu verlassen?

Mir ging es hier die ganze Zeit gut. Auch spät abends konnte ich ohne Probleme allein nach Hause gehen, ohne Angst haben zu müssen. Die Schule hat uns auch gut verpflegt und es ist nichts vorgefallen oder schiefgegangen. Und trotzdem fühlte es sich anstrengend an. Ich springe vielleicht auch im Text etwas hin und her und bravo, wenn Du bis hierhin durchgehalten hast. Aber diese Eindrücke hier lassen nur ein Gedankenchaos zurück. Diese Zeilen habe ich jedoch extra an meinem vorletzten Abend in der Stadt geschrieben, um das Gefühl festzuhalten, bevor es verblasst.

Natürlich gibt es in La Habana viele schöne Ecken. Aber ich werde eben das Gefühl nicht los, dass auf den Kubanern so eine Last auf den Schultern liegt. Nur durch die Sprachschule bin ich überhaupt in diesem Stadtviertel gelandet. So habe ich wahrscheinlich noch viel mehr von dem wahren Havanna gesehen, außerhalb der glänzenden Oldtimer und der Touristen. Wer weiß, wie es gewesen wäre, hätte ich im Zentrum gewohnt.

Zu dem Zeitpunkt konnte ich es kaum erwarten, weiter zu reisen. Was sollte mich zum Beispiel in Trinidad erwarten?

Ich hoffe, Du konntest mich so ungefähr verstehen.

Warst Du vielleicht schon einmal auf Kuba und hast etwas Ähnliches erlebt?

 

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